• Fr, 06.03. , 17:30 bis 18:30 Uhr
  • Kultur gleich Religion gleich Identität?

  • Podiumsdiskussion
  • Otto Friedrich, DIE FURCHE - Ressortleiter Religion, Film, Medien


    Katrin Praprotnik, Research Lab Democracy and Society in Transition, Donau Universität Krems

    Frederic Lion, Leiter Theater Nestroyhof Hamakom, Wien

    Jüdische Kultur als Projektionsfläche
    Wenn wir nach der Geschichte des Theater Nestroyhof Hamakom im zweiten Bezirk in Wien gefragt werden, erhalten wir, noch bevor wir noch eine Antwort darauf geben können oft sehr schnell die ultimative Antwort: "Ein (ehemaliges) jüdisches Theater, nicht wahr?!". Und jeder Antwortgeber verbindet mit diesem Begriff "jüdisch" etwas Verschiedenes: Ein von Juden gegründetes Theater, ein Theater in dem nur Juden spielen, ein Theater mit jüdischen Themen. Ein historisches Faktum vor dem Krieg, oder durch die jetzige Namensgebung Theater Nestroyhof Hamakom (hebr. = der ORT), ein Zustand der Gegenwart? Die Eröffnung des Theaters im Nestroyhof durch Karl Kraus 1901, als ein wichtiges literarisches Theater in dem Stücke von Wedekind, Ibsen udn Strindberg gezeigt wurden, die jüdische Prägung des Theaters durch die "jüdischen Künstlerspieel" von 1927-38, und die Schließung des Theaters nach dem Anschluss 1938, sind die wesentlichen historischen Ereignisse vor dem zweiten Weltkrieg den Gebäudekomplex Nestroyhof betreffend. Die Arisierung des Gebäudes 1940, eine umstrittene Restituion 1952, die Errichtung eines Supermarktes von 1960 - 1995 udn die damit einhergehende Zweckentfremdung, sind die einschneidenden Ereignisse der Nachkriegzeit. Selten spült ein Ort durch seine Geschichte so viele verschiedene Assoziationsketten beim Betrachter nach oben: Ein Theater, das für eine jüdische Subkultur stand, die gänzlich vernichtet wurde, dann über 30 Jahre ein Supermarkt war, um nach langen Umwegen und kulturpolitischen Kämpfen wieder ein Theater zu werden: die Geschichte des Nestroyhofs ist auch eine exemplarisch österreichische Geschichte zwischen Verdrängung, Anpassung und der Schwierigkeit mit der jüngeren Vergangenheit umzugehen.

    Jüdische Kultur ist ein historisch ambivalenter Begriff - er wurde von Juden in der Diaspora immer leidenschaftlich kontrovers diskutiert. Zwischen Assimilation, Zionismus und traditionell relilgiöser Verhaftung war er nie eindeutig. Ein "jüdisches" Theater der Zwischenkriegszeit wie der Nestroyhof machte sich zur Aufgabe diese verschiedenen Positionen im Judentum lustvoll und künstlerisch zu spiegeln. Es wurde nach Aufführungen gestritten, diskutiert, es wurde von Juden um jüdische Identität gerungen.

    Aber heute ist dieser Begriff ein vornehmlich retroperspektivischer und er wird leidenschaftlich von einer nicht jüdischen Öffentlichkeit verwendet in der Rückschau auf das unbestrittene große geistige Erbe jüdischer Denker, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, ungeachtet davon ob sich diese als Juden bezeichneten oder nicht. Der Begriff "jüdische Kultur" wird leidenschaftlich romantisiert oder auch dramatisiert udn auch mystyfiziert, er wird aus seiner ursprünglichen Ambivalenz gerissen und in stereotypen Mustern verfestigt udn über allem steht er für Verlust, Vergangenes, Unwiederbringliches.

    Er wird oft zur Projektionsfläche der eigenen Angst, der eigenen Unzulänglichkeit im Vergangenen. Diese Angst führt unbewusst zur Vereinnahmung Jüdischer Kultur als Teil der österreichischen Seele, gleich der klassischen Musik. Als Österreicher "bist du" Mozart, Schubert aber auch Zweig udn Freud.
    Die Schizophrenie im Verhältnis des geborenen Österreichcers zum Judentum, besteht in dessen Vereinnahmung bei gleichzeitiger Vernichtung derselben. Eine Pathologische Hassliebe. Das Theater Nestroyhof Hamakom macht sich unter anderem zur nicht einfachen Aufgabe diesem Begriff wieder seine Ambivalenz zurückgewinnen zu lassen und damit seinen wirklichen Reichtum.

    Johannes Rauchenberger, Leiter des Kulturzentrums bei den Minoriten in Graz, Universitätslektor für Kunst und Religion an den Universitäten Wien und Graz

    "Zwei Punkt Null" ist zwar nicht die aktuellste Form einer Netzaneignung. Sie nimmt aber Bezug auf eine in Deutschland angelaufene Protestwelle in der katholischen Kirche, wo ein altes Motiv ("Maria" für aktuelle Herrschaftsverhältnisse "reloaded" wird. "reliQt" erinnert an sagenhafte neue Reste, in der Version 1.0 waren es die Reliquien. Was ist von ihnen und der christlichen Bildwelt in der Gegenwart übrig geblieben? Welche Erbschaften sind dabei angetreten worden? Werke von Künstlerinnen und Künstlern werden in einem kuratorischen Durchgang vorgeführt, die sich mit diesen Hinterlassenschaften beschäftigen. Was blieb vom Christentum für zeitgenössische Kunst? Der Autor hat dazu mit "Gott hat kein Museum" 2015 ein dreibändiges "Buchmuseum" publiziert, das sich seither in immer neuen Ausstellungen erweitert. Über den aktuellen Stand erzählt er in diesem Vortrag.

    Stefan Weidner, Islamwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer