• © Ingulfur Blühdorn
  • Do, 07.03. , 11:00 bis 11:20 Uhr
  • Befreiung aus der Mündigkeit

  • Vortrag
  • Infolg Blühdorn, Universitätsprofessor, Leiter des Instituts für Gesellschaftswissenschaften und Nachhaltigkeit (IBN), WU Wien

    Die Legitimationskrise der Demokratie
    Reflexive Emanzipation, digitale Revolution und simulative Demokratie
    Das emanzipatorische Projekt ist sowohl in seiner demokratischen als auch in seiner ökologischen Dimension in eine tiefe Kreise geraten. Weder das Versprechen der politischen Selbstbestimmung mündiger Bürger konnte je eingelöst werden, noch die Absicht, die Unversehrtheit und Würde der Natur zu bewahren. Während beide Ziele in immer weitere Ferne rücken, ermahnen sich moderne Gesellschaften immer drigender, die Krise nicht nur zu beschreiben, sondern vor allem geeignete Lösungsangebote zu formulieren. Dafür beschränken sich ihre diagnostischen Fähigkeiten auf das wenigstens theoretisch Lösbare - und halten genau damit den eigentlichen Kern sowohl der demokratischen als auch der ökologischen Krise im Dunkeln.

    Der Beitrag versucht, diese Logik zu durchbrechen. Er sieht den Kern der Krise darin, dass moderne Gesellschaften sich sowohl strukturell als auch kulturell über die Idee der liberalen, repräsentativen Demokratie hinausentwickelt haben. Auf der Suche nach mehr Freiheit und einem besseren Leben haben sich wesentliche Gesellschaftsgruppen - ob Neoliberale, Rechtspupulisten oder die Statthalter des emanzipatorischen Projekts selbst - längst aus demokratischen Grundprinizipien und der politischen Mündigkeit befreit. Die liberale Demokratie wird daher zunehmend als dysfunktional und als Zumutung erfahren. Sie ist in eine Legitimationskrise gestürzt, die sich bereits in den 1980er Jahren abzeichnete und sich mit der digitalen Revolution heute brisant zuspitzt. In diesem Szenario ist der Lösungs- und Rettungsdiskurs seinerseits Teil einer Inszenierung, eines Spiels, einer gesellschaftlichen Selbstillusionierung - der simulativen Demokratie.