• Do, 08.03. , 17:30 bis 18:30 Uhr
  • Arbeit macht das Leben süß?

  • Podiumsdiskussion
  • Fabian Heubel, Sinologe und Philosoph, Taipei/Taiwan 

    Macht Unbrauchbarkeit frei? Über ein Motiv der daoistischen Philosophie
    Im Gespräch mit chinesischen Freunden habe ich wiederholt die Frage nach den kulturellen und geistigen Bedingungen der Möglichkeit für die rasante Entwicklung von Digitalisierung und Virtualisierung des Lebens in China gestellt. Dabei bin ich auf mit großer Selbstverständlichkeit vorgetragene Verknüpfung vor allem zu daoistischen Gedankengut gestoßen, die mir zunächst weit hergeholt, um nicht zu sagen phantastisch erschienen.
    Gleichwohl haben mich die Gespräche dazu angeregt, die Bedeutung der Philosophie von Laozi und Zhuangzi im digitalen Zeitalter zu erkunden.
    In China werden zunehmend westliche Modelle der Modernisierung hinterfragt und alternative Wege gesucht und getestet. Inzwischen sind geschichtliche und kulturelle Quellen Chinas nicht länger Verachtung und Verfolgung ausgesetzt, werden vielmehr zunehmend wiederbelebt und unter veränderten Umständen neu interpretiert. Dabei zeigen sich allenthalben verblüffende Verflechtungen von Altem und Neuem, Wesentlichem und Östlichem. Naturgemäß ist es schwierig für solche Entwicklungstendenzen, die leicht durch die Raster vertrauter Modernisierungsdiskurse fallen, eine geeignete Sprache zu finden - denn die digitale Revolution ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle und damit eine philosophische Revolution. Ist es denkbar, dass die Entwicklung von virtueller Ökonomie und künstlicher Intelligenz - paradoxerweise - für überholt gehaltene Weisheits-, Kultivierungs- und Naturlehren erstaunliche Möglichkeiten bereithält?
    Ich möchte diese Frage nachgehen, indem ich mich dem vor allem im klassischen Buch Zhuangzi vorgebrachten Motiv vom Gebrauch des Unbrauchbaren zuwende. Dabei werde ich auf die ontologische und die ästhetische Dimension diese Motivs zu sprechen kommen. Beim Gebrauch des Unbrauchbaren geht es weniger um ein Lob des Unnützen, der Faulheit oder des Nichtstuns als um die Bestimmung darauf, dass aller Gebrauch das Unbrauchbare braucht, mehr noch; der Gebrauch des Unbrauchbaren verweist auf die Kunst, vom Ohne- vom Leersein, vom Virtuellen - Gebrauch zu machen, also von etwas Gebrauch zu machen, was sich dem Streben nach Nützlichkeit widersetzt. Um den Gebrauch des Unbrauchbaren verständlicher zu machen, werde ich sodann ein Beispiel aus der klassischen chinesischen Berg-Wasser-Malerei heranziehen und zu zeigen versuchen, wie sich darin Ohne und Etwas, Leere und Fülle, virtuelle und aktuelle Welt wechselseitig hervorbringen. 

     

    Ursula Baatz, Kuratorin Symposion Dürnstein

    Warum das Unnütze notwendig ist? Debatten um Mindestsicherung, Grundeinkommen, Langzeitarbeitslosigkeit usw. haben eines gemeinsam: es geht um alle jene, die in der Informations- und Wissensgesellschaft keinen Platz mehr finden - entweder weil ihnen die Qualifikationen fehlen oder weil ihre Arbeit von Maschinen übernommen wurde. Sie sind überflüssig, denn sie haben keine Arbeit. Arbeit und Lebensunterhalt waren seit langem verkoppelt, und u.a. darauf beruht die Idee des Sozialstaates. Doch galt durch Jahrtausende Arbeit - worunter körperliche Arbeit verstanden wurde - als mindere Tätigkeit, als Strafe oder als Schande. Erst in der Neuzeit wurde Arbeit mit dem Aufkommen des Kapitalismus - des Merkantilismus und später der Industrialisierung - zu einem sozialpolitischen Imperativ. Das aufsteigende Bürgertum definierte sich über Arbeit, und die Erziehung zu gesellschaftlich nützlicher Produktivität wurde ein wesentlicher Aspekt der schulischen Bildung. Heute machen Maschinisierung und Automatisierung körperliche und zunehmend auch geistige Arbeit im herkömmlichen Sinn überflüssig. In Frage steht der gesellschaftliche Begriff von Arbeit: gilt als Arbeit nur, was Mehrwert produziert? Konzepte wie Grundeinkommen und Gemeinwohlökonomie geben von neuen Formen der Lebenssicherung aus. Und wenn nicht mehr Arbeit dem Leben Sinn gibt, was dann?

     

    Sebastian Thieme , P. Johannes-Schasching, SJ-Fellow der ksoe, Wirtschafts- und Sozialethiker, Wien

    Selbsterhaltung und Standard-Ökonomik. Ein schwieriges Verhältnis Die Selbsterhaltung dürfte für viele Menschen ein geradezu banales Motiv darstellen, um sich wirtschaftlich zu betätigen. Und das bedeutet zumeist, die eigene Arbeitskraft am Arbeitsmarkt anbieten zu müssen. Wie wird aber in der Ökonomik - der Wissenschaft über die Wirtschaft - mit diesem Motiv umgegangen? Ein näherer Blick auf diese Frage zeigt, dass das wirkliche Motiv der Selbsterhaltung in der Ökonomik zwischen Vernachlässigung und Instrumentalisierung schwankt. Aber gibt es Alternativen? Wo liegen diese? Und welche Konsequenzen hätte eine konsequent subsistenzethische Perspektive, in der die Selbsterhaltung einen primären Wirtschaftszweck darstellt? Diese Themen werden im Vortrag aufgegriffen.

     

    Patrizia Giampieri-Deutsch, Universitätsprofessorin für Psychotherapieforschung, Leiterin des Fachbereichs Psychodynamik, Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Krems

    Aspekte der Arbeit aus psychodynamischer Sicht
    Der Beitrag widmet sich zum einen soziokulturellen Aspekten des Arbeitsbegriffs, zum anderen dem Stellenwert, den Arbeit für das Subjekt in der Gesellschaft als strukturierender und schützender Faktor hat.

    Da die Sichtweisen über den Sinn der Arbeit zu divergieren scheinen, bieten die klinischen Ansichten der psychodynamischen Psychotherapieforschung relevante Anhaltspunkte. Mit Blick auf die erfolgreiche Beendigung einer psychoanalytischen Behandlung versuchte der britische Psychoanalytiker John Rickman, klinische Prädikatoren des gelungene Endes einer Psychoanalyse aufzuzeigen. In seinem Aufsatz "On the criteria for the Termination of an Analysis" nennt Rickman als zentrale klinischen Indikator den "Punkt der Unverrückbarkeit", bei dem regressive Persönlichkeitsstrategie soweit durchgearbeitet sind, dass das Subjekt nach dem Ende der Behandlung weniger anfällt ist für zerstörerische und selbstzerstörerische Verhaltens- und Erlebensweisen. Gleichwohl die Erlangung der Arbeitsfähigkeit schon für Pionierinnen wie Sigmund Freud und Anna Freud ein wesentliches Behandlungsziel war, dürfte nicht vernachlässigt werden, dass eine erfolgreiche Analyse auch die Erfahrung der Fähigkeit, Tatenlosigkeit und Arbeitslosigkeit ohne Entwicklung bzw. Wiederkehr der Symptomatik ertragen zu können, bedeutet. Die Psychotherapieforschung der Gegenwart entwickelt avancierte Methoden zur empirischen Erforschung der subjektiven Erfahrung und verfügt somit über entsprechend verlässliche Daten. Dadurch wird ein relevanter Beitrag zur Untersuchung der Arbeitsfrage geleistet, die in Zukunft aufgrund zunehmender Digitalisierung durch eine Wandlung des Arbeitsbegriffs gekennzeichnet sein wird.      

    Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Zukunftszuversicht scheint in der historischen Vergangenheit eine solide Begründung zu finden. Um den immateriellen Wert der Arbeit zu verdeutlichen, zeigt der Beitrag mit wirkmächtigen Beispielen aus der europäischen Geistesgeschichte, wie und wodurch der Faktor Arbeit ein wesentlich emanzipatorischer für das Subjekt ist. Die Vorstellung, dass Selbstverwirklichung durch Arbeit definiert ist, müsse allerdings auch problematisiert werden, weil sie allzu leicht zum Instrument demagogischer Bestrebungen werden kann und dadurch rigide Kontroll- und Disziplinierungswerkzeuge im Namen einer "Beschäftigung für alle" installiert werden könnten.

    Patrizia Giampieri-Deutsch, Univ.-Prof. Dr., ist Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) und der International Psychoanalytical Association (IPA). Sie ist Universitätsprofessorin für Psychotherapieforschung und Leiterin des Fachbereichs Psychodynamik an der Karl Landsteiner Universität für Gesundheitswissenschaften Krems sowie Universitätsprofessorin für Philosophie an der Universität Wien. Sie ist Wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Mitglied der Kommission für Wissenschaftstechnik und der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften, Sprecherin der "Bundesländerinitiative Niederösterreich-Burgenland" und "Leiterin der "Maimonides Lectures". Sie ist Research Fellow der IPA (RTP). Seit 2005 ist sie Mitglied des IPA-Commitee "Psychoanalysis and the University" und seit 2012 dessen Co-Chair. Seit 2012 ist sie Mitglied des Editorial Board von The International Journal of Psychoanalysis sowie Herausgeberin von Psychoanalyse im Dialog der Wissenschaften. Bd. 1: Europäische Perspektiven und Bd.2.: Angloamerikanische Perspektiven (2002-2004), Psychoanalysis as an Empirical, Interdisciplinary Science (2005), Geist, Gehirn, Verhalten: Sigmund Freud und die modernen Wissenschaften (2009) und Mitherausgeberin von The Correspondence of Sigmund Freud and Sandor Ferenczi, 3 Bde. (1993-2000), Ferenzci's Turn in Psychoanalysis (1996, 2000) sowie von Sensory Perception, Mind and Matter (2012).     

    Katharina Stemberger, Schauspielerin, Wien